Nein, der IPCC hat die Klimakrise nicht abgesagt

Nein, der IPCC hat die Klimakrise nicht abgesagt

Faktencheck zur Behauptung, RCP8.5 sei „tot“ und damit das Fundament der Klimapolitik zusammengebrochen

Kurzurteil: Die Behauptung hat einen realen wissenschaftlichen Kern, wird politisch aber falsch gedreht. Richtig ist: Das sehr hohe Emissionsszenario RCP8.5 beziehungsweise sein CMIP6-Nachfolger SSP5-8.5 gilt heute nicht mehr als plausibler Leitpfad für das 21. Jahrhundert. Falsch ist: Der IPCC habe den Klimawandel zurückgenommen, Klimamodelle seien widerlegt oder Klimapolitik sei damit überflüssig. Tatsächlich zeigt die neue Einordnung etwas anderes: Bisherige Klimapolitik, sinkende Kosten für erneuerbare Energien, effizientere Technologien und veränderte Investitionen haben das alte Extrem wahrscheinlicher abgewendet. Das ist ein Erfolg. Es ist aber keine Entwarnung.

Eine KI-gestützte Analyse.


Worum es bei der aktuellen Behauptung geht

Seit Anfang Mai 2026 kursiert in rechts-konservativen und klimaskeptischen Kreisen die Erzählung, die Klimaforschung habe ihr „Horrorszenario“ aufgegeben. Der IPCC habe RCP8.5 als unplausibel aussortiert, die Klimaforschung vollziehe eine Kehrtwende und die bisherige Klimapolitik stehe deshalb auf einem zusammenbrechenden Fundament. Diese Darstellung vermischt drei Ebenen: eine echte wissenschaftliche Aktualisierung, eine seit Jahren geführte Fachdiskussion über die Nutzung von RCP8.5 und eine politische Schlussfolgerung, die aus den Quellen nicht folgt.

Die wissenschaftliche Primärquelle ist nicht eine AfD-Mitteilung und auch kein neuer IPCC-Beschluss, sondern ein Fachartikel: Detlef P. van Vuuren et al., „The Scenario Model Intercomparison Project for CMIP7 (ScenarioMIP-CMIP7)“, veröffentlicht am 7. April 2026 in Geoscientific Model Development. Der Artikel beschreibt den Szenario-Rahmen für CMIP7, also die nächste große Runde internationaler Klimamodell-Vergleiche. CMIP7 wird voraussichtlich eine wichtige Grundlage für den siebten IPCC-Sachstandsbericht sein, ist aber nicht selbst ein IPCC-Bericht.

Die zugespitzte politische Schlagzeile entstand danach vor allem über Roger Pielke Jr. Sein Substack-Beitrag vom 29. April 2026 trug die These „RCP8.5 is Officially Dead“. Reposts auf Portalen wie The Right Insight und Climate Change Dispatch übernahmen diese Formulierung. In Deutschland griff unter anderem die WELT das Motiv auf und rahmte es als Abschied vom dramatischsten Klimaszenario. Von dort wurde es in parteipolitischen Texten zu einer Generalabrechnung mit „Alarmismuspolitik“ weitergedreht.

Wichtig ist also: Primärquelle für den wissenschaftlichen Kern ist das CMIP7-ScenarioMIP-Paper. Primärquelle für die politische Erzählung ist die mediale Interpretation dieser Quelle. 

WICHTIG: Der IPCC hat im April 2026 keinen neuen Bericht veröffentlicht, in dem er die Klimakrise abgesagt hätte!

Was RCP8.5 eigentlich ist

RCP8.5 stammt aus der Modellgeneration um den fünften IPCC-Bericht. Die Zahl 8,5 steht für einen sehr hohen Strahlungsantrieb bis 2100. In der späteren SSP-Systematik entspricht SSP5-8.5 grob einer fossilintensiven Welt, in der Kohle, Öl und Gas weiter massiv genutzt werden, zusätzliche Klimapolitik ausbleibt und CO2-Emissionen bis weit in das Jahrhundert hoch bleiben oder weiter steigen.

Solche Szenarien sind keine Prognosen. Sie sind „Was-wäre-wenn“-Pfade. Sie helfen zu untersuchen, wie Klimasystem, Meeresspiegel, Landwirtschaft, Wasserhaushalt, Gesundheit oder Extremwetter auf unterschiedliche Emissionspfade reagieren. Ein sehr hohes Szenario kann dafür wissenschaftlich nützlich sein, weil es eine obere Risikogrenze ausleuchtet. Problematisch wird es, wenn ein Extrempfad in Studien, Medien oder politischen Debatten als „wahrscheinliches Weiter so“ dargestellt wird.

Diese Kritik ist nicht neu. Zeke Hausfather und Glen Peters warnten bereits 2020 in Nature, die „Business-as-usual“-Erzählung rund um RCP8.5 sei irreführend, wenn sie als wahrscheinlichster Zukunftspfad verstanden werde. Auch Carbon Brief hatte schon vor Jahren erklärt, dass RCP8.5 ein sehr hoher Baseline-Pfad ist, nicht automatisch der erwartbare Mittelweg.

Was CMIP7 jetzt wirklich ändert

Das neue CMIP7-ScenarioMIP-Paper zieht aus dieser Entwicklung Konsequenzen. Van Vuuren et al. schreiben sinngemäß: Für das 21. Jahrhundert wird die Szenario-Bandbreite kleiner als früher. Am oberen Ende seien die hohen CMIP6-Emissionsniveaus, quantifiziert durch SSP5-8.5, aufgrund sinkender Kosten erneuerbarer Energien, der entstandenen Klimapolitik und jüngerer Emissionstrends unplausibel geworden.

Das ist ein wichtiger Satz. Er bedeutet aber nicht: „Die Klimaforschung war falsch.“ Er bedeutet: „Die Welt hat sich verändert.“ Ein Zukunftspfad, in dem fossile Energien trotz billigerer Alternativen und trotz realer Klimapolitik bis 2100 nahezu ungebremst dominieren, ist heute weniger plausibel als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Anders gesagt: Der extreme 8.5-Pfad wurde nicht durch eine Revision der Klimaphysik unwahrscheinlicher, sondern durch reale politische, technologische und wirtschaftliche Entwicklungen.

CMIP7 ersetzt den alten oberen Rand nicht durch Entwarnung, sondern durch plausiblere Szenario-Grenzen. Die neue Szenariofamilie enthält weiterhin ein hohes Szenario. Es soll aber „so hoch wie plausibel“ sein, nicht so extrem wie SSP5-8.5. Das Paper betont ausdrücklich, dass dieses High-Szenario kein Business-as-usual-Szenario ist. Es beschreibt eher eine Welt, in der Klimapolitik geschwächt oder zurückgedreht wird, internationale Kooperation abnimmt, fossile Interessen wieder stärker werden und emissionsarme Technologien langsamer vorankommen.

Das ist genau der Punkt, der in der politischen Verwertung oft unterschlagen wird: Dass RCP8.5 weniger plausibel ist, liegt auch daran, dass Klimapolitik und Energiewende bereits gewirkt haben. Wer daraus folgert, Klimapolitik sei unnötig gewesen, verwechselt Ursache und Wirkung.

Welche Pfade heute relevant sind

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Ist RCP8.5 tot?“ Die wichtigste Frage lautet: Auf welchem Pfad befindet sich die Welt heute, welche Pfade sind noch erreichbar, und welche Risiken hängen daran?

1. Sehr starke Klimapolitik: etwa 1,7 bis 2,0 Grad

Ein sehr niedriger Pfad entspricht grob der Logik von SSP1-1.9 beziehungsweise 1,5-Grad-kompatiblen IPCC-Pfaden. Er setzt schnelle, tiefe Emissionsminderungen voraus: global sinkende Treibhausgasemissionen in diesem Jahrzehnt, Netto-Null CO2 etwa um die Jahrhundertmitte und danach nur begrenzte, glaubwürdige Nutzung negativer Emissionen. Der Climate Action Tracker schätzt in einem optimistischen Szenario, in dem angekündigte Netto-Null-Ziele tatsächlich umgesetzt werden, eine mediane Erwärmung von rund 1,9 Grad bis 2100.

Das ist physikalisch nicht unmöglich. Politisch ist es derzeit aber nicht der wahrscheinlichste Pfad. Entscheidend ist: Angekündigte Ziele sind keine umgesetzte Politik. Viele Netto-Null-Ziele sind unzureichend durch kurzfristige Maßnahmen, Investitionspläne und gesetzliche Instrumente gedeckt. Deshalb ist ein 1,5-Grad-kompatibler Pfad heute eher ein Zielpfad als eine realistische Beschreibung dessen, was Regierungen bereits tun.

2. Aktuelle Politik und heutige Trends: etwa 2,5 bis knapp 3 Grad

Das ist der derzeit relevanteste Bereich. Der Climate Action Tracker kommt in seinem Global Update 2025 für die weltweit aktuell umgesetzte Politik auf etwa 2,6 Grad Erwärmung bis 2100. UNEP kommt im Emissions Gap Report 2025 für aktuelle Politiken auf etwa 2,8 Grad. Der IPCC AR6 hatte mit dem Politikstand Ende 2020 noch rund 3,2 Grad angegeben. Diese Zahlen widersprechen sich nicht, sondern spiegeln unterschiedliche Zeitstände, Methoden und Szenarioannahmen wider.

Die vernünftige Kurzfassung lautet: Die Welt ist heute nicht mehr auf dem alten 4-Grad-plus-Extrempfad, aber sie ist auch nicht auf Paris-Kurs. Die meisten aktuellen Analysen verorten die reale Politik ungefähr im Bereich von 2,5 bis 3 Grad. Das ist deutlich besser als die alten Worst-Case-Pfade, aber immer noch eine hochriskante Welt.

Der Fortschritt ist real. Der Climate Action Tracker weist darauf hin, dass aktuelle Politikpfade seit 2015 deutlich niedriger eingeschätzt werden; UNEP schreibt, dass die Temperaturprojektionen seit der Annahme des Pariser Abkommens von etwa 3 bis 3,5 Grad auf niedrigere Werte gefallen sind. 

Gründe sind unter anderem massiver Preisverfall bei Solar- und Windenergie, schnellere Elektrifizierung, Effizienzgewinne, nationale Klimagesetze, Ausbauziele, Netto-Null-Verpflichtungen, steigende Investitionen und ein langsameres Wachstum der Kohlenutzung als früher erwartet.

Genau deshalb ist die Erzählung vom „zusammengebrochenen Klimanarrativ“ falsch. Die Welt ist nicht deshalb in einem weniger katastrophalen Bereich gelandet, weil Klimawandel plötzlich harmloser wäre. Sie ist dort, weil Gesellschaften begonnen haben, anders zu investieren und zu regulieren. Bisherige Bemühungen haben sehr wahrscheinlich dazu beigetragen, das alte 8.5-Szenario abzuwenden.

3. Hohe Emissionen und neue Extrempfade: etwa 3,5 Grad und mehr

Auch der obere Risikobereich verschwindet nicht. CMIP7 wird weiter hohe Szenarien enthalten, nur eben plausibler kalibriert. Ein solcher Pfad kann entstehen, wenn Klimapolitik zurückgedreht wird, internationale Kooperation zerbricht, neue fossile Infrastruktur langfristig festschreibt, große Schwellenländer dauerhaft stärker auf Kohle und Gas setzen oder emissionsarme Technologien langsamer skaliert werden als erwartet.

Der IPCC AR6 sagt ausdrücklich, dass Pfade mit mehr als 4 Grad Erwärmung eine Umkehr aktueller Technologie- und Klimapolitiktrends voraussetzen würden. Das heißt: Sie sind heute weniger wahrscheinlich, aber nicht logisch ausgeschlossen. Außerdem können hohe Erwärmungswerte auch dann auftreten, wenn die Emissionen niedriger sind, das Klimasystem aber empfindlicher reagiert oder Rückkopplungen stärker ausfallen als im besten Schätzwert angenommen.

Für die politische Debatte ist deshalb eine doppelte Aussage nötig: SSP5-8.5 sollte nicht mehr als wahrscheinlichster Zukunftspfad verkauft werden. Aber hohe Risikopfade bleiben für Stresstests, Infrastrukturplanung, Versicherungen, Meeresspiegelrisiken und robuste Vorsorge relevant.

Was der IPCC wirklich gesagt hat

Der IPCC hat die Klimarisiken nie allein aus RCP8.5 abgeleitet. AR6 betrachtet verschiedene Emissionspfade, Erwärmungsniveaus und Risikokategorien. Die zentralen Aussagen hängen nicht daran, ob SSP5-8.5 wahrscheinlich ist. Sie lauten: Der menschliche Einfluss hat das Klima eindeutig erwärmt; jede weitere Erwärmung verstärkt viele Risiken; und die Begrenzung der Erwärmung erfordert schnelle, tiefe und nachhaltige Emissionsminderungen.

Der IPCC sagt außerdem nicht: „Dieses Szenario tritt mit Wahrscheinlichkeit X ein.“ Szenarien sind keine Wettervorhersagen für das Jahr 2100. Sie sind konditionale Pfade: Wenn die Welt bestimmte Emissionsmengen ausstößt, ergibt sich ein bestimmter Bereich an Erwärmung und Folgen. Der IPCC ordnet diese Pfade anhand der zugrunde liegenden Annahmen ein, nicht als Lotterie mit festen Eintrittswahrscheinlichkeiten.

Schon AR6 war differenzierter, als die aktuelle Empörung nahelegt. Er führte SSP5-8.5 als sehr hohes Emissionsszenario, stellte aber zugleich fest, dass Pfade über 4 Grad eine Umkehr aktueller Trends voraussetzen würden. Die Neubewertung in CMIP7 ist also keine Kehrtwende aus dem Nichts, sondern eine Fortsetzung einer Debatte, die seit Jahren in der Fachliteratur geführt wird.

Was heißt das für das 1,5-Grad-Ziel?

Hier ist Präzision besonders wichtig. Das Pariser Abkommen verlangt, die Erwärmung deutlich unter 2 Grad zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Gemeint ist nicht ein einzelnes heißes Jahr, sondern langfristige globale Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau.

Nach heutigem Stand ist eine Einhaltung von 1,5 Grad ohne zeitweise Überschreitung kaum noch realistisch. Der IPCC AR6 verortete das Erreichen von 1,5 Grad in vielen Szenarien in der ersten Hälfte der 2030er Jahre. UNEP schreibt im Emissions Gap Report 2025, eine höhere Überschreitung von 1,5 Grad werde sehr wahrscheinlich innerhalb des nächsten Jahrzehnts eintreten. Der Global Carbon Budget 2025 formuliert es noch schärfer: Bei aktuellen CO2-Emissionen reicht bereits eine kleine Zahl weiterer Jahre, um das verbleibende Budget für eine 50-Prozent-Chance auf 1,5 Grad aufzubrauchen.

Das bedeutet nicht, dass das Paris-Ziel politisch bedeutungslos geworden ist. Es bedeutet: Die Debatte verschiebt sich von „Kann jede Überschreitung verhindert werden?“ zu „Wie hoch und wie lange fällt der Overshoot aus, und kann die Welt später wieder unter 1,5 Grad zurückkehren?“ Ein niedriger Overshoot ist weniger riskant als ein hoher. Ein Pfad zurück Richtung 1,5 Grad erfordert aber extrem schnelle Emissionsminderungen und später sehr wahrscheinlich Netto-Negativemissionen. Diese sind technisch, ökologisch und sozial begrenzt.

UNEP beziffert die notwendige Lücke deutlich: Für 1,5-Grad-kompatible Pfade müssten die jährlichen Emissionen bis 2035 um rund 55 Prozent gegenüber 2019 sinken; für 2 Grad um rund 35 Prozent. Das ist nicht unmöglich, aber weit entfernt von dem, was aktuelle Politik leistet. Deshalb ist die sauberste Aussage: 1,5 Grad sind als Grenze ohne Überschreitung kaum noch erreichbar; eine Rückkehr auf 1,5 Grad bis 2100 bleibt physikalisch denkbar, politisch aber extrem anspruchsvoll. Jede zusätzliche Zehntelgrad-Erwärmung erhöht Risiken, und jedes vermiedene Zehntelgrad senkt sie.

Was bedeuten 2,5 bis 3 Grad?

In vielen Debatten klingt es so, als sei alles unter dem alten 8.5-Szenario eine Art Entwarnung. Das ist falsch. Eine Welt mit 2,5 bis 3 Grad globaler Erwärmung wäre weit entfernt von stabilen Bedingungen. Global bedeutet hier Durchschnitt; an Land, in Städten, in der Arktis und bei Extremereignissen fallen Veränderungen oft deutlich stärker aus.

Der IPCC beschreibt mit steigender Erwärmung zunehmende Risiken in fast allen großen Risikokategorien. Dazu gehören häufigere und intensivere Hitzewellen, stärkere Starkregenereignisse, mehr Dürren in vielen Regionen, steigender Meeresspiegel über Jahrhunderte, Belastungen für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit, Wasserknappheit, Schäden an Ökosystemen, gesundheitliche Risiken, höhere Anpassungskosten und zunehmende soziale Verwundbarkeit. Bei 2 bis 3 Grad steigt zudem das Risiko abrupter oder irreversibler Veränderungen, etwa bei Eisschilden, Korallenriffen oder bestimmten Ökosystemen.

Deshalb ist „nicht mehr 4,4 Grad“ eine gute Nachricht, aber keine Entwarnung. Der Unterschied zwischen 1,5, 2, 2,6 und 3 Grad ist politisch und menschlich enorm. Er entscheidet darüber, wie viele Menschen tödlicher Hitze ausgesetzt sind, wie stark Ernten unter Wasserstress geraten, wie teuer Küstenschutz wird, wie oft Extremereignisse kritische Infrastrukturen überlasten und wie viele Anpassungsgrenzen erreicht werden.

Was an der politischen Behauptung stimmt und was nicht

Stimmt: RCP8.5 wurde zu oft missverständlich verwendet. Wer es als wahrscheinliches „Weiter so“ dargestellt hat, hat die extremen Annahmen zu wenig erklärt. Für Risikoanalysen kann ein Worst-Case-Szenario sinnvoll sein, aber es muss als solches gekennzeichnet werden.

Stimmt auch: Die nächste Modellgeneration wird am oberen Ende voraussichtlich weniger extrem sein als CMIP6 mit SSP5-8.5. Forschung, Behörden, Banken, Infrastrukturplaner und Medien sollten ältere Studien, die auf RCP8.5 oder SSP5-8.5 beruhen, künftig genauer einordnen. Manche Folgenabschätzungen müssen mit neuen Szenarien neu gerechnet werden.

Entscheidend ist aber: RCP8.5 wurde nicht deshalb unwahrscheinlicher, weil der Treibhauseffekt schwächer wäre, sondern weil die Welt bereits gehandelt hat. Erneuerbare Energien sind massiv billiger geworden, Elektromobilität und Speicher wachsen schneller als erwartet, Klimapolitik ist real geworden und Investitionsentscheidungen haben sich verschoben. Die Behauptung, damit sei Klimapolitik widerlegt, stellt die Logik auf den Kopf.

Irreführend ist: Daraus einen Zusammenbruch der Klimaforschung zu machen. Klimamodelle berechnen, wie das Klimasystem auf Emissionen und Konzentrationen reagiert. Wenn die Gesellschaft weniger extreme Emissionspfade wahrscheinlicher macht, ändert das den Input, nicht die Physik.

Falsch ist: Der IPCC habe seine Klimarisiken zurückgenommen. AR6 hatte bereits gezeigt, dass auch mittlere Pfade erhebliche Risiken bedeuten. Eine Welt mit 2,6 Grad Erwärmung ist keine harmlose Korrektur nach unten, sondern eine tiefgreifend veränderte Welt.

Unbelegt ist: Die pauschale Behauptung, Studien hätten absichtlich ein unrealistisches Szenario genutzt, um Freiheit zu rauben, Wohlstand zu vernichten oder Subventionen zu rechtfertigen. Es gibt berechtigte Kritik an der Kommunikation und Nutzung von RCP8.5. Daraus folgt aber keine Absichtserklärung für die gesamte Klimaforschung, keine Widerlegung von Klimafolgenstudien insgesamt und keine Begründung für einen Ausstieg aus dem Pariser Abkommen.

Fazit

Die beste Kurzfassung lautet: RCP8.5 war ein sehr hohes Szenario, wurde oft zu prominent genutzt und ist für die nächste Szenario-Generation nicht mehr der plausible obere Rand. Das ist relevant und sollte offen kommuniziert werden.

Aber die rechte Erzählung macht daraus mehr, als die Quellen hergeben. Weder hat der IPCC die Klimakrise abgesagt, noch ist die Grundlage der Klimapolitik zusammengebrochen. Im Gegenteil: Die sinkende Plausibilität von 8.5 zeigt, dass Klimapolitik, technologische Entwicklung und reale Investitionsentscheidungen bereits einen Unterschied gemacht haben. Das sollte man als Fortschritt benennen.

Der Fortschritt reicht aber nicht aus. Der heute wahrscheinlichste Bereich liegt nicht bei 4,4 Grad, sondern grob bei 2,5 bis knapp 3 Grad, je nach Quelle und Annahme. Das ist weniger katastrophal als das alte Extrem, aber weiterhin gefährlich. 1,5 Grad ohne Überschreitung sind kaum noch erreichbar; 2 Grad und ein niedriger Overshoot bleiben nur mit deutlich schnellerer Minderung glaubwürdig. Die Aufgabe lautet daher nicht, Klimapolitik abzuschaffen, sondern sie so zu verbessern, dass aus einem realen Fortschritt kein verpasster Jahrhundertmoment wird.

Quellen


Links